Small is meistens beautiful

Meine Mini-Heimatgemeinde tief im Württembergischen ist kaum der Rede wert – leider. Eingezwängt zwischen zwei „Großen Kreisstädten“, die für das weltberühmte schwäbische Tüftlertum (Schorndorf mit Gottlieb Daimler) und die weltberühmte schwäbische Reinlichkeit (Winnenden mit Kärcher) stehen, haben die Berglen keine vergleichbaren kulturellen oder wirtschaftlichen Leuchttürme zu bieten, die auch in Shanghai oder San Francisco ein Zungenschnalzen provozieren würden – von der Sternschule vielleicht einmal abgesehen, die es immerhin zum Nationalen Architekturdenkmal gebracht hat. Die Landschaft ist lieblich, die Berge sind namensgebend überschaubar, und was die Berglen europaweit auszeichnet, ist ihr hoher Anteil an Streuobstwiesen. Also, dem veganen Grundstoff für Schnaps.

Nun bedeuten ausladende Wiesen mit einem gesunden Bestand an säuerlichen Mostäpfelbäumen natürlich, dass nicht viel Platz bleibt für urbane Freuden wie eine Croissanterie in jedem Ort oder eine fußläufig erreichbare Galerie für moderne Kunst – notwendige Dinge des täglichen Überlebens in der Großstadt. Selbst in den „Großen Kreisstädten“ nebenan wird man nicht zwangsläufig fündig; bedeutet „groß“ dort doch nur, dass alle Einwohner kommod in die Stuttgarter Schleyerhalle passen müssen und der Schultheiß sich ganz weltmännisch „Oberbürgermeister“ schimpfen darf.

Womit wir schon beim Schultheißen der kleinen Berglen wären. Der war mal der jüngste im Land, was für Demokratiepessimisten schon mal eine erfrischend unerfreuliche Nachricht ist. Dieser Bürgermeister ist zudem anders als alle anderen vor ihm. Dieser Bürgermeister ist ein digital native. Einer mit einem Facebook-Account. Einer, der weiß, wie man diesen benutzt.

Ganz ehrlich: Das ist auf so vielen Ebenen vorbildlich, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

1. Wenn Bürgermeister oder Oberbürgermeister weitaus größerer und quirligerer Kommunen sich (immer noch) gelangweilt fragen, was es denn so überaus Spannendes zu berichten gäbe aus dem alltäglichen Einerlei ihrer Gebietskörperschaft (*gähn*), dann sollten sie DRINGEND Maximilian Friedrich frienden. Dieser Bürgermeister berichtet jeden Tag vom wirklich lebendigen Treiben in dieser überhaupt nicht verschlafenen Schlafgemeinde – jeden Tag ist unerwarteter Weise etwas los. Jeder einzelne Termin im Bürgermeisterkalender ist ein Posting wert, jeder Besuch einer der beiden Kitas, jede Probe der Musikkapelle oder jeder Einsatz des Bauhofs. Das ist nicht banal oder irrelevant oder belächelnswert süß in seiner Putzigkeit – das sind für die Bürgerinnen und Bürger vor Ort wichtige Informationen, die zeigen, dass es und was vorangeht in ihrem Sprengel. Wenn man zum Theoretisieren neigt: Der Nachrichtenwert der Nähe ist hier voll erfüllt, und aus dieser Nähe speist sich die Relevanz für die Bürgerinnen und Bürger. (Und Ex-Bürger wie mich: Ich weiß heute besser Bescheid als noch zu Zeiten, als ich dort wohnte!)

2. Das führt zum zweiten Punkt: Die „Ex-Patriate“ oder „Alumni“-Kommunikation ist klasse. Sie ist gar nicht intendiert, sondern systemisch miterledigt. Dadurch, dass Friedrich jeden Tag sagt und zeigt, was gerade passiert, an was er gerade arbeitet, welche Entwicklungen sich in seiner Kommune ergeben, erreicht er ohne weiteren Aufhebens Leute wie mich, die nicht mehr in den Berglen leben, ihnen aber weiter verbunden bleiben. Community Management als Nebenbeiprodukt… Die einzigen Kosten, die dem Bürgermeister entstehen, ist die monatliche Surfflatrate. Gerade im sparsamen Schwaben eine Botschaft, die jeder versteht…

3. Dialogische Kommunikation: Friedrich postet nicht nur, er antwortet auch und informiert oft umfassend – und das in einem abgeklärt-seriösen Ton, dass ich meinen Hut ziehe vor diesem „jungen Hüpfer“. Ich fühle mich als (Ex-)Bürger ernstgenommen von meinem eigenen Rathauschef. Die Überschaubarkeit der Berglen mit ihren gerade mal 6000 Einwohnern gibt Friedrich hier natürlich einen Vorteil – aber auch, wenn er „Oberbürgermeister“ einer „Großen Kreisstadt“ mit 20.001 Einwohnern wäre: Diese direkte Ansprache der „Freunde“, diese Sichtbarkeit in der Timeline der Bürgerinnen und Bürger, dieses unmittelbare Berichten, was ja auch ein tägliches Arbeitsprotokoll ist, ist toll!

4. Dieses „Arbeitsprotokoll“ ist natürlich eine klasse Argumentationshilfe, wenn dieser Bürgermeister dereinst wiedergewählt werden will. Was hat sich alles verändert, wo und was hat die Kommune getan, wo und wie war der Verwaltungschef persönlich involviert, „auf wievielen Hochzeiten hat er getanzt“? Alles wahlkampfwichtige Fragen, die sich jede Wählerin und Wähler mit einem Wisch durch die Facebook-Chronik selbst zu Gemüte führen kann. Ebenfalls ein Nebenprodukt, aber ein brillantes; und unterstützt vom persönlichen Protokollanten namens Mark Zuckerberg…

5. Und weil es Teil seines Amtsverständnisses ist, „always on“ zu sein, sorgt dieser Bürgermeister auch für eine moderne IT-Infrastruktur, die vor seiner Zeit jahrelang im Dornröschenschlaf darniederlag. Rund um das Rathaus in Oppelsbohm soll es freies WLAN geben – in einer Kommune, in der ISDN noch zur Standardausstattung gehört! Und Glasfaserverkabelung für echtes zukunftsfähiges Breitband kommt endlich auch in alle Teilorte. Da die Berglen eben nicht nur Schlafkommune für Stuttgart und Sindelfingen sein wollen, sondern tatsächlich ein Arbeitsort  für kleine kreative Dienstleister sein können, ist die Breitbandverkabelung zum echten Standortargument geworden, längst überfällig und nicht mehr als privates „nice to have“ vernachlässigbar. So, wie fließend Wasser und eine funktionierende Straßenbeleuchtung heute zu einer stinknormalen Infrastruktur gehört, gehört auch normalschnelles Internet dazu. Seltsam, dass man das extra erwähnen muss…

6. Und weil der Bürgermeister seine Kommune auf Facebook sichtbar macht, kommt nun sogar der SWR in die Berglen (der kommt sonst nie…). Okay, ob Facebook der Grund ist oder es einen anderen Grund gibt, habe ich nicht recherchiert. Fakt ist aber: Die kleine Gemeinde in den Hügeln mit dem hohen Anteil an Obstbauern wird eine Woche lang vom SWR vorgestellt – ausgerechnet jetzt! Die Sichtbarkeit der Berglen erhöht sich jetzt für eine definierte Zeit dramatisch – nun kann Maximilian Friedrich diesen Push-Faktor, diesen Rückenwind, nutzen, um die Gemeinde noch weiter zu positionieren. Weil er weiß, wie moderne dialogische Kommunikation funktioniert, wird ihm das sicher auch gelingen und er kann weiter Winddruck auf den Segeln halten. Andere Bürgermeister, die dies nicht wissen, verwandeln solche Elfmeter wie eine SWR-Berichterstattung nicht – sie verpufft dann einfach.

„Small is beautiful“ – und diesen Größennachteil, den eine sehr kleine Gemeinde hat, kann ein Bürgermeister zu einem Vorteil wenden, weil er direkter kommunizieren kann. Für mich ein Lehrbeispiel.