140 Zeichen. Mehr braucht es nicht mehr, um „gesellig“ zu sein. 140 Zeichen, einen Benutzernamen und – natürlich – ein Mobilfunknetz.
„Twitter“ hat geschafft, was Generationen von Bundespost-“Fasse-Dich-kurz“-Telefonzellenaufkleber-Aufkleber nicht vermocht haben: Kurz und prägnant zu sein und gerade deswegen mit der Welt in Verbindung zu bleiben – mit Menschen, die man häufig noch nie gesehen hat, deren wahres Gesicht sich hinter einem camouflierenden „Avatar“ verbirgt, und die meistens unheimlich gut drauf sind.
Twitter ist ein Massenmedium geworden, das – wie das meiste im Web 2.0 – völlig anders funktioniert als herkömmliche Massenmedien. Und das trotzdem kein Massenpublikum anspricht, sondern durchaus elitär daherkommt. ARTE statt RTL, wenn man so will. Aber ein ARTE, das komplett ohne Programmplanung, Intendanz, Redaktionen und eigens produzierte Inhalte auskommt. Und das nicht mehr unkritisch vor sich hinsendet, sondern im weitaus überwiegenden Maße selbst empfängt: Das „Programm“ machen die Twitter-Nutzer selbst. Das ist der „gesellige“ Ansatz, der aus dem „social web“ eine weltumspannende, hierarchiefreie und unreglementierte Diskutier-Bude macht. Man könnte auch Stammtisch sagen. Oder Universität. Oder, revolutionär: Kommunikation.
Netz aus Dialogpartnern
Twitter ist technisch wenig mehr als eine Plattform, die Kurzmitteilungen anzeigt. Öffentliche SMS, die weltweit gelesen, beantwortet, weitergeleitet und „favorisiert“, also: von anderen „für gut befunden“ werden können. Damit jeder den Überblick behalten kann über die abertausend Kurzmitteilungen, die pro Sekunde in allen erdenklichen Sprachen auf der Plattform eingehen, sortiert Twitter die Meldungen in eine sogenannte „timeline“, also einen Zeitstrahl ein, die für jeden Nutzer individuell zusammengestellt wird. Man liest nur das, was man abonniert hat. Beziehungsweise: Man liest nur die Mitteilungen derjenigen anderen Nutzer, denen man „folgt“. Ein Abo auf die Äußerungen Anderer also. Das ist es schon. SMS in Hülle und Fülle, die man selber dadurch sortiert, dass man den viel versprechendsten Nutzern folgt. So entsteht im Laufe der Zeit ein Netz aus Dialogpartnern, Informanten, Komödianten, weisen Ratgebern und nervtötenden Besserwissern – je nach individuellem Geschmack.
Jeder ist für sein Netz selbst verantwortlich: Wer möchte, kann sich rein privat auf Twitter mit Gleichgesinnten über die Banalitäten des Alltags auslassen. Oder aber hochprofunde und höchstspezialisierte Wissens- und Nachrichtenquellen erschließen, die es sonst nirgendwo gibt – und das in Echtzeit. Viele Journalisten nutzen Twitter mittlerweile intensiver als die klassischen Nachrichtenticker von dpa oder AP. Weil die Informationen unverfälscht, schneller, umfassender und vor allem: unvorhersehbarer, origineller sind.
Relevanz durch Weiterempfehlung
Twitter verbreitet Nachrichten schneller als jede Nachrichtenagentur – und zwar aus allen Winkeln der Welt. Das Korrespondentennetz ist kostenlos und riesig: denn jeder Twitter-Nutzer ist unmittelbar Informationsbeschaffer und -weiterreicher (einen Internetzugang vorausgesetzt). Schnell ist mit dem Mobiltelefon ein Foto von dem entlaufenen Zirkuselefanten oder dem notgelandeten Flugzeug gemacht: Ein „Tweet“, und die Welt weiß davon. Wissenschaftler können sich gegenseitig auf neueste Erkenntnisse und Publikationen hinweisen: Ein „Tweet“ mit einem Link zur neuesten Untersuchung, und die Welt ist wieder ein klein wenig klüger.
Das ist das Besondere an Twitter: Informationen werden nicht nur stumpf weitergeleitet – sie werden dadurch auch relevanter. Denn jeder Nutzer, der die Information in seiner Timeline findet, kann entscheiden, ob sie so wichtig/erfreulich/skandalös/witzig/herzzerreissend/klug/todtraurig/aktuell ist, dass sie es verdient, mehr als nur einmal gelesen zu werden. Sie kann erneut gesendet werden, weitergeleitet wie eine E-Mail an einen neuen, anderen Verteiler. Dadurch wird die Nachricht in kurzer Zeit weit herumgereicht und erreicht so Menschen, die den Absender der Information weder kennen noch ihn abonniert haben. Das „Netz“ der vernetzten Twitter-Nutzer sorgt für die Verbreitung der Nachricht. Und jedes Mal steckt implizit eine Lese-Empfehlung in der Weiterleitung: „Das ist so originell oder wichtig, dass ich es weiterempfehle!“ Je häufiger eine Information empfohlen und weitergeleitet wird, umso relevanter wird sie – weil sie empfehlenswert ist. Twitter wird dadurch zu einer ernsthaften Bedrohung für das allmächtige Google. Denn: Google misst Relevanz durch häufige Verlinkung. Twitter durch häufige Erwähnung, also Empfehlung. Wem vertraut man mehr; einer mathematischen Methode oder der Kompetenz von Menschen, deren Tweets man ohnehin gerne liest?
Erfolgreich durch Vertrauen
Der menschliche Faktor „Vertrauen“ ist es, der Kommunikation erfolgreich macht. Ein vertrauensvolles Gespräch in einer vertrauensvollen Atmosphäre: Schon ist ein Geschäft abgeschlossen, ein zwischenmenschliches Problem gelöst, ein motivationsloser Fußballer wieder torgefährlich. „Vertrauen ist der Anfang von allem.“ Vertrauen zu schaffen ist die Aufgabe moderner Kommunikation. Echtes, ehrliches, beweisbares und vor allem tragfähiges Vertrauen. PR-Tricks, die entgegengebrachtes „Vertrauen“ für niedere Zwecke auszunutzen trachten, sind verheerend. Einmal betrogenes Vertrauen ist kaum wiederzugewinnen – zu Recht!
Dabei ist es so einfach: Ehrlich sein, transparent sein, Freund sein. Schwäche zeigen, zu Fehlern stehen, ernsthaft Besserung geloben. Auch Verantwortung übernehmen und sie nicht auf andere abwälzen. Erwachsen in einem positiven, reifen Sinne sein. Unternehmen und Behörden fehlt oft diese Einsicht, die man mit „emotionaler Inteligenz“ beschreiben könnte. Da wird gerne vertuscht, vermeintliche Fehlerfreiheit und Schuldlosigkeit postuliert, fälschlich Stärke gezeigt. „Arroganz der Macht“ zu zeigen scheint eine professionelle Haltung zu sein zu sein: „Wir machen keine Fehler, und wenn, geben wir sie keinesfalls zu!“ Und genau diese Arroganz ist es, die Vertrauensbildung verhindert. Empathie hingegen öffnet Türen und Herzen. Und das ist das Ziel allen Handels: Die Herzen der Bürger zu erreichen.
[Dieser Artikel ist zuerst auf dem Social Media Newsroom der Stadt Frankfurt am Main erschienen: http://www.smnr-frankfurt.de/2012/03/twitter/]