Auf dem Weg zur „City 2.0“

„Ich will Dein Freund sein“: So denken Behörden selten. Sehr selten, leider. Das Netz denkt so. Wer sich für unsere Status-Updates, amtliche 140-Zeichen-Lyrik und die Links interessiert, die wir weiterempfehlen, darf sich unser „Freund“ nennen. Oder „Fan“, was noch viel besser ist, weil wir nicht einfach nur wahrgenommen, sondern dann sogar vielleicht verehrt werden. Fans sind noch enthusiastischer, unkritischer, positiver gestimmt – und das kommt Behörden grundsätzlich sehr suspekt vor.

Behörden – zumindest die der Version 1.0 – blieben lieber ungeliebt, mochten keine nervigen Freunde haben und hatten erst recht keine enthusiastischen Fans. Sie sahen sich als exekutiven Arm einer entrückten Obrigkeit an, die vornehmlich lästige Bürger zu verwalten hatte. Bürger, die ihrerseits kaum Interesse an dem zeigten, was die Ämter für sie so auf die Beine stellten – ein funktionierendes Verkehrsnetz, regelmäßige Müllabfuhr, fließend Wasser: der Strom kommt aus der Steckdose, was geht mich das alles an?! Bürgerschaftliches Engagement war in diesem Konzept nur sehr rudimentär vorgesehen.

Getrennte Welten bislang

Behörde und Bürger lebten in zwei Welten und begegneten sich kaum freundschaftlich. Sie hatten dann miteinander zu tun, wenn etwas schief gelaufen war: Wenn die Parkuhr und der Personalausweis abgelaufen oder die Eilzüge der guten alten Bundesbahn planmäßig auf unbestimmte Zeit verspätet waren. Unbill führte Bürger und Behörden zusammen; und man schätzte sich glücklich, wenn das nicht allzu häufig geschah. Sprach eine Behörde 1.0 mit ihren Bürgern, war meist Gefahr im Verzug und man konnte schon mal im Geldbeutel nach Bußgeld kramen.

Spätestens seit dem Cluetrain Manifest ist das alles anders (auch wenn bislang nur wenige Beamte davon überhaupt gehört haben dürften). Oder besser: Seit es dieses tolle Mitmach-Netz gibt. Denn das demokratisch organisierte „Web 2.0“ macht vor, was die Stadt von morgen sein könnte. „City 2.0“: die „Stadt zum Mitmachen“.

Die Bürger selbst sind der „Rückkanal“

Die Stadt von morgen hat nämlich einen Rückkanal: ihre Bürgerinnen und Bürger. Die Web 2.0-Technologien, die Städte nutzen können, bieten die augenfälligsten Interaktionsmöglichkeiten – vor allem dann, wenn die Techniken mit „Wiki“ beginnen: Wikimaps, auf denen Bürger kaputte Straßenlaternen oder fehlende Parkbänke eintragen können sowie Stadtwikis, um dort enzyklopädisches Lokalwissen zu akkumulieren. Radfahrer sagen im Radfahrportal der Stadt, wo Radwege verbessert werden können. Den „Schlaglochmelder“ können Autofahrer und Anwohner nutzen. Facebook, Twitter, Blogs – alles Möglichkeiten der Bürger, in direktere Beziehung zu ihrer Stadt zu treten als bisher. „Many-2-Many“-Kommunikation, die erst das Netz bieten kann, koppelt Bürgermeinung schneller und vor allem demokratischer zurück als es der gute alte Leserbrief oder gar das 1:1-Medium Telefon und E-Mail konnten.

Mehr als nur „Web 2.0“

Doch „Web 2.0“ ist nur ein kleiner und im Vergleich eher unbedeutender Aspekt der „City 2.0“. Die direkte Einbindung der Bürger in politische Entscheidungen und ihre Umsetzung – das macht den Charme der Stadt von morgen aus. Frankfurter Bürger etwa denken in „Planungswerkstätten“ über die künftige Nutzung des Bolongaropalastes in Höchst nach oder modellieren ihre Version der Altstadt. Oder sie kommen in „Open Space“-Events zusammen, um über das Zusammenleben zu debattieren – immer zusammen mit Experten, und immer mit dem Wissen, dass ihre Arbeit ernst genommen und tatsächlich umgesetzt wird – das neue Integrationskonzept Frankfurts ist in großen Teilen von den Bürgern selbst erstellt worden.

Beide Welten verschränken sich

Die beiden Welten, in denen Bürger und Verwaltung bislang lebten, verschränken sich nun. Und die „Achse der Macht“ neigt sich um 90 Grad: Von der hierarchischen Vertikalen zur demokratischen Horizontalen. Von der anordnenden Obrigkeit zum gleichberechtigten „Demos“, in dem jeder Einzelne mit seinen Mitbürgern nach der besten Lösung sucht. Und selbst Verantwortung übernimmt – mehr und umfassender als bislang.
Im Stadtteil Nieder-Erlenbach übernehmen die Bürger bereits heute einen beachtlichen Teil solcher Verantwortung – immer dann, wenn sie auf die Straße gehen. Denn in Nieder-Erlenbach wird „Shared Space“ erprobt: Es gibt keine Verkehrsregeln mehr, jeder Verkehrsteilnehmer ist gleichberechtigt. Bürgerinnen und Bürger warten nicht mehr, bis ihnen die grüne Ampel erlaubt, über die Straße zu gehen. Sie einigen sich selbst darauf, wer Vorfahrt hat. Porsche- und Kettcar-Fahrer haben die identischen Rechte und benutzen die selbe Straße. Gegenseitige Rücksicht und „Mitdenken“ – das ist das Neue und Smarte an der „City 2.0“. Weiteres Beispiel: Die Aktion „Gewalt-Sehen-Helfen“ des Präventionsrates. Da die Polizei nicht überall sein kann und auch Videoüberwachung Gewalttaten nicht verhindern kann, werden Bürger selbst aktiv. Sie versuchen etwa, Opfer von Pöbeleien aus der Gefahrensituattion zu locken oder Hilfe zu holen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Ein sehr effektives Konzept, das in gewisser Weise auf die „Schwarmintelligenz“ seiner Bürger setzt.

Entzentralisierung der Stadt

Die Stadt entzentralisiert, dezentralisiert sich. Sie bindet ihre Bürger immer enger ein und gibt bislang eisern verteidigte Hoheitsrechte aus der Hand – etwa das Etatrecht oder die Hoheit über die Stromerzeugung. So führt der Stadtkämmerer einen „Bürgerhaushalt“ ein und bittet die Frankfurter um Vorschläge. Die leistungsstärkste Solaranlage in Frankfurt ist eine Bürger-Photovoltaik-Anlage mit siebzig Eigentümern – jüngst in Betrieb genommen von städtischer Messegesellschaft, Frankfurter Umweltdezernentin und Hessischer Umweltministerin und ein wichtiger Produktionsstandort zur dezentralen Stromerzeugung.
Für die Verwaltung ist es effizienter, auf die gesammelten Kompetenzen und Ressourcen seiner Bürger zu setzen: Sie helfen der Stadt bei Finanzierungen, planen mit und übernehmen Schutzaufgaben der Polizei und wissen schneller und präziser, wo gerade ein Mülleimer überquillt. Und sie kennen ihre Bedürfnisse – das ist trivial – am besten. Werden sie von Anfang an in Planungen einbezogen, kommt am Ende das für alle sinnvollste Ergebnis heraus und wird von allen akzeptiert. Höhere Akzeptanz und zielgenauere Umsetzung – das macht die Verwaltung der Zukunft schlagkräftiger und effektiver.

Daraus folgt: Social Media

Und dass die Verwaltung dazu mit ihren Bürgern auf Augenhöhe reden muss, ja, reden will, versteht sich bei einem solchen Konzept von selbst. Social Media sind daher alles andere als ein Selbstzweck oder ein schickes „nice to have“ – sie sind Voraussetzung, Mittel und Ausdruck des Selbstverständnisses der Verwaltung 2.0. Daher twittert die Stadt und lässt Diskussionen auf Facebook zu. Kein Hype, sondern normales Kommunikationsverhalten der Stadt von morgen – die wir am Main heute schon voranbringen wollen.

Ein Gedanke zu “Auf dem Weg zur „City 2.0“

  1. Hallo,
    ich bin eigentlich eher durch Zufall auf Ihre Seite gekommen. Nachdem ich mich ein wenig durchgelesen habe, muss ich sagen Ihre Seite gefällt mir sehr. Ich werde in Zukunft öfters mal vorbei schauen!

    Viele Grüße aus Sinsheim

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