Gemeinde – nächste Generation

Hervorgehoben

Barack Obama und Nicolas Sarkozy twittern, Kanzlerin Angela Merkel bespricht eigene Video-Podcasts, die Metropole Frankfurt am Main hat 150.000 Fans auf Facebook. Aber unser Bürgermeister? Was soll unsere Verwaltung denn im Social Web? Wer interessiert sich schon für unseren kleinen Ort, und: Wir haben nichts mitzuteilen – bei uns passiert doch so gut wie nichts…? Weiterlesen

Small is meistens beautiful

Meine Mini-Heimatgemeinde tief im Württembergischen ist kaum der Rede wert – leider. Eingezwängt zwischen zwei „Großen Kreisstädten“, die für das weltberühmte schwäbische Tüftlertum (Schorndorf mit Gottlieb Daimler) und die weltberühmte schwäbische Reinlichkeit (Winnenden mit Kärcher) stehen, haben die Berglen keine vergleichbaren kulturellen oder wirtschaftlichen Leuchttürme zu bieten, die auch in Shanghai oder San Francisco ein Zungenschnalzen provozieren würden – von der Sternschule vielleicht einmal abgesehen, die es immerhin zum Nationalen Architekturdenkmal gebracht hat. Die Landschaft ist lieblich, die Berge sind namensgebend überschaubar, und was die Berglen europaweit auszeichnet, ist ihr hoher Anteil an Streuobstwiesen. Also, dem veganen Grundstoff für Schnaps.

Nun bedeuten ausladende Wiesen mit einem gesunden Bestand an säuerlichen Mostäpfelbäumen natürlich, dass nicht viel Platz bleibt für urbane Freuden wie eine Croissanterie in jedem Ort oder eine fußläufig erreichbare Galerie für moderne Kunst – notwendige Dinge des täglichen Überlebens in der Großstadt. Selbst in den „Großen Kreisstädten“ nebenan wird man nicht zwangsläufig fündig; bedeutet „groß“ dort doch nur, dass alle Einwohner kommod in die Stuttgarter Schleyerhalle passen müssen und der Schultheiß sich ganz weltmännisch „Oberbürgermeister“ schimpfen darf.

Womit wir schon beim Schultheißen der kleinen Berglen wären. Der war mal der jüngste im Land, was für Demokratiepessimisten schon mal eine erfrischend unerfreuliche Nachricht ist. Dieser Bürgermeister ist zudem anders als alle anderen vor ihm. Dieser Bürgermeister ist ein digital native. Einer mit einem Facebook-Account. Einer, der weiß, wie man diesen benutzt.

Ganz ehrlich: Das ist auf so vielen Ebenen vorbildlich, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

1. Wenn Bürgermeister oder Oberbürgermeister weitaus größerer und quirligerer Kommunen sich (immer noch) gelangweilt fragen, was es denn so überaus Spannendes zu berichten gäbe aus dem alltäglichen Einerlei ihrer Gebietskörperschaft (*gähn*), dann sollten sie DRINGEND Maximilian Friedrich frienden. Dieser Bürgermeister berichtet jeden Tag vom wirklich lebendigen Treiben in dieser überhaupt nicht verschlafenen Schlafgemeinde – jeden Tag ist unerwarteter Weise etwas los. Jeder einzelne Termin im Bürgermeisterkalender ist ein Posting wert, jeder Besuch einer der beiden Kitas, jede Probe der Musikkapelle oder jeder Einsatz des Bauhofs. Das ist nicht banal oder irrelevant oder belächelnswert süß in seiner Putzigkeit – das sind für die Bürgerinnen und Bürger vor Ort wichtige Informationen, die zeigen, dass es und was vorangeht in ihrem Sprengel. Wenn man zum Theoretisieren neigt: Der Nachrichtenwert der Nähe ist hier voll erfüllt, und aus dieser Nähe speist sich die Relevanz für die Bürgerinnen und Bürger. (Und Ex-Bürger wie mich: Ich weiß heute besser Bescheid als noch zu Zeiten, als ich dort wohnte!)

2. Das führt zum zweiten Punkt: Die „Ex-Patriate“ oder „Alumni“-Kommunikation ist klasse. Sie ist gar nicht intendiert, sondern systemisch miterledigt. Dadurch, dass Friedrich jeden Tag sagt und zeigt, was gerade passiert, an was er gerade arbeitet, welche Entwicklungen sich in seiner Kommune ergeben, erreicht er ohne weiteren Aufhebens Leute wie mich, die nicht mehr in den Berglen leben, ihnen aber weiter verbunden bleiben. Community Management als Nebenbeiprodukt… Die einzigen Kosten, die dem Bürgermeister entstehen, ist die monatliche Surfflatrate. Gerade im sparsamen Schwaben eine Botschaft, die jeder versteht…

3. Dialogische Kommunikation: Friedrich postet nicht nur, er antwortet auch und informiert oft umfassend – und das in einem abgeklärt-seriösen Ton, dass ich meinen Hut ziehe vor diesem „jungen Hüpfer“. Ich fühle mich als (Ex-)Bürger ernstgenommen von meinem eigenen Rathauschef. Die Überschaubarkeit der Berglen mit ihren gerade mal 6000 Einwohnern gibt Friedrich hier natürlich einen Vorteil – aber auch, wenn er „Oberbürgermeister“ einer „Großen Kreisstadt“ mit 20.001 Einwohnern wäre: Diese direkte Ansprache der „Freunde“, diese Sichtbarkeit in der Timeline der Bürgerinnen und Bürger, dieses unmittelbare Berichten, was ja auch ein tägliches Arbeitsprotokoll ist, ist toll!

4. Dieses „Arbeitsprotokoll“ ist natürlich eine klasse Argumentationshilfe, wenn dieser Bürgermeister dereinst wiedergewählt werden will. Was hat sich alles verändert, wo und was hat die Kommune getan, wo und wie war der Verwaltungschef persönlich involviert, „auf wievielen Hochzeiten hat er getanzt“? Alles wahlkampfwichtige Fragen, die sich jede Wählerin und Wähler mit einem Wisch durch die Facebook-Chronik selbst zu Gemüte führen kann. Ebenfalls ein Nebenprodukt, aber ein brillantes; und unterstützt vom persönlichen Protokollanten namens Mark Zuckerberg…

5. Und weil es Teil seines Amtsverständnisses ist, „always on“ zu sein, sorgt dieser Bürgermeister auch für eine moderne IT-Infrastruktur, die vor seiner Zeit jahrelang im Dornröschenschlaf darniederlag. Rund um das Rathaus in Oppelsbohm soll es freies WLAN geben – in einer Kommune, in der ISDN noch zur Standardausstattung gehört! Und Glasfaserverkabelung für echtes zukunftsfähiges Breitband kommt endlich auch in alle Teilorte. Da die Berglen eben nicht nur Schlafkommune für Stuttgart und Sindelfingen sein wollen, sondern tatsächlich ein Arbeitsort  für kleine kreative Dienstleister sein können, ist die Breitbandverkabelung zum echten Standortargument geworden, längst überfällig und nicht mehr als privates „nice to have“ vernachlässigbar. So, wie fließend Wasser und eine funktionierende Straßenbeleuchtung heute zu einer stinknormalen Infrastruktur gehört, gehört auch normalschnelles Internet dazu. Seltsam, dass man das extra erwähnen muss…

6. Und weil der Bürgermeister seine Kommune auf Facebook sichtbar macht, kommt nun sogar der SWR in die Berglen (der kommt sonst nie…). Okay, ob Facebook der Grund ist oder es einen anderen Grund gibt, habe ich nicht recherchiert. Fakt ist aber: Die kleine Gemeinde in den Hügeln mit dem hohen Anteil an Obstbauern wird eine Woche lang vom SWR vorgestellt – ausgerechnet jetzt! Die Sichtbarkeit der Berglen erhöht sich jetzt für eine definierte Zeit dramatisch – nun kann Maximilian Friedrich diesen Push-Faktor, diesen Rückenwind, nutzen, um die Gemeinde noch weiter zu positionieren. Weil er weiß, wie moderne dialogische Kommunikation funktioniert, wird ihm das sicher auch gelingen und er kann weiter Winddruck auf den Segeln halten. Andere Bürgermeister, die dies nicht wissen, verwandeln solche Elfmeter wie eine SWR-Berichterstattung nicht – sie verpufft dann einfach.

„Small is beautiful“ – und diesen Größennachteil, den eine sehr kleine Gemeinde hat, kann ein Bürgermeister zu einem Vorteil wenden, weil er direkter kommunizieren kann. Für mich ein Lehrbeispiel.

Gemeinderat, ab in die Maske!

Das ist ebenfalls Kommunalpolitik 2.0; oder vielleicht präziser: Regionalpolitik 1.8. Denn eine Liveübertragung einer Plenarsitzung in Bild und Ton ist eigentlich kein großes Kunststück: Videokameras kosten kaum noch etwas – und jedes Smartphone bringt ab Werk schon eine ordentliche Videofunktion mit. Die Übertragung von Ton ist technisch eine eher leichte Übung, und Streaming-Server braucht man streng gfenommen auch nicht mehr: Facebook und Google+ eignen sich für Video-Übertragungen; die Technik ist da.

Der Zugang zur hessischen Landespolitik ist ab Dienstag, 29. Januar, für alle Hessen noch einfacher möglich: Hit Radio FFH überträgt dann die Debatten des Hessischen Landtags erstmals für alle Bürger live im Internet. Der Ältestenrat des Parlaments hat beschlossen, dass der private Radiosender die Plenarsitzungen in Zusammenarbeit mit dem Landtag in Bild und Ton überträgt.
(Quelle: Journal Frankfurt)

Das Problem ist der politische Wille: Will das Parlament oder der Gemeinderat, dass jeder Bürger der politischen Willensbildung und Auseinandersetzung sowie der Genese von politischen Entscheidungen im Netz zusehen kann – oder eben nicht. Soll man der Demokratie bei der Arbeit zuschauen: Ja oder Nein.

Um ein klares Statement abzugeben: Die öffentlichen Sitzungen und Beratungen sind – das sagt der Name – öffentlich. Sie müssen es sein, denn nur so, transparent für alle, funktioniert Demokratie. Also ist eine Liveübertragung ins Netz nicht viel mehr als eine weitere virtuelle Stuhlreihe auf der Zuschauerempore. Dem Gemeinderat von zu Hause aus zuschauen, sich eine eigene Meinung bilden – das ist der erste Schritt zu kommunalpolitischem Interesse vom Wohnzimmer aus. Ist das Interesse erstmal geweckt, folgt unter Umständen der nächste Schritt: Man findet Gefallen am kommunalpolitischem Engagement und wird selbst aktiv. Nur, weil der Gemeinderat „zu mir nach Hause“ gekommen ist.

Auch das ist die Kraft der „Kommune ZwoNull“.

Vom Web Two-O zur City 2.0

Ich habe ja schon vor längerer Zeit den Zusammenhang von Mitmach-Web und Mitmach-Stadt behauptet, und ich werde überhaupt nicht müde, das wieder und wieder zu postulieren. Am Montag, 3. Dezember, bei denen, die sich mit Stadtsoziologie und politischem Kulturwandel so gut auskennen, dass sie beides erforschen: beim DIFU in Berlin.

Der Zusammenhang ist einfach: Menschen möchten selbst gestalten – im Netz und in der Stadt. Sie möchten selbst Verantwortung übernehmen und Entscheidungen nicht mehr nur an „die Politik“ oder „die Internetredaktion“ delegieren. Nein, sie wollen und sollen sich einmischen und selbst Content beitragen, selbst Hand anlegen in ihrer „Gebietskörperschaft“.

Wie in Frankfurt politisch intendierte Bürgerbeteiligungsprozesse und aktive Forderungen zu mehr bürgerschaftlichem Engagement zusammenfallen und das Social Web dabei ein Abbild dieser partizipativen Idee im Netz ist, fasse ich unter den Begriff „City 2.0“. Okay, dieser Begriff wird gerne von Vielen gehijackt, um irgendetwas Innovatives im urbanen Zusammenleben zu labeln, etwa: Vernetzung, Verkabelung, WLANisierung… Aber ich denke, dass die Analogie zu „Web 2.0“ den Begriff gut begründet und ihn vor allem kulturell verstanden wissen will, nicht – überhaupt nicht! – technisch.

Das Social Web ist nichts anderes als eine Kulturrevolution hin zu mehr Mitsprache und dezentraler, verteilter, „gesharedter“ Verantwortungsübernahme der Stakeholder selbst. Also das Gegenteil der Null-Bock-Haltung, die meiner Generation der 89er (ich bin kein Soziologe und hoffe, mich richtig einzuschubladen) so gerne unterstellt wurde. Mitmachen und Ärmel hochkrempeln – und nicht auf die Behörden warten: Das ist City 2.0. Der Einzelne wird zum aktiven Player, das bürokratische „Verwalten“ von gesichtslosen Groß-Bürger-Einheiten hat dort nichts mehr zu suchen, weil es dort nichts mehr finden wird.

„City 2.0“ ist eine Reform der Gemeindeverwaltung hin zu mehr „Geselligkeit“ – und die Verwaltung im Rathaus hat wieder mehr Zeit und Kraft für ihre Kernaufgaben. Eigentlich ein zutiefst helvetisches Modell, diese „City 2.0“, oddr?

Ich glaube, ich muss mich mal wieder von der Stadt Zürich dazu einladen lassen… ;-))

Die Verwaltung auf dem Tablet

Die schönsten Fotos des Dorffests stehen auf der kommunalen Website, die Freiwillige Feuerwehr hat einen schön illustrierten Fahrbericht mit dem nigelnagelneuen Löschzug hochgeladen, der Dorfjubilar erzählt aus seinem an Anekdoten reichen Leben – aber kaum jemand liest die schönen Geschichten?! Klar: Man verirrt sich nur selten auf eine kommunale Internetpräsenz. Wenn man die neuesten Müllabfuhrtermine wissen muss, oder die Öffnungszeiten der Stadtbibliothek, dann vielleicht – aber sonst?

Webseiten sind „Holmedien“ – weil man sich die Informationen dort aktiv holen muss. RSS-Feeds erweiterten die Webseiten um einen „Bring-Service“: Sie liefern die aktuellsten Meldungen automatisch aus; fast wie eine E-Mail. Und zeigen diese Meldungen oft eher spartanisch, auf Tablet-PCs aber in erstaunlich ambitioniertem Layout an. Und das oft völlig kostenlos! Weiterlesen

Gezwitscher der Großstadt

Benedikt Köhler hat sich für sein englischsprachiges Blog „Beautiful Data“ diverse Daten angeschaut, die eines eindeutig belegen: Berlin ist mit Abstand die Twitterhauptstadt des Landes. Daher – und das zu belegen ist die Absicht des Blogposts – habe Twitter auch folgerichtig Berlin als Sitz für seine Deutschlandzentrale gewählt; eine Standortwahl aufgrund der dazu zwingenden Datenlage. Weiterlesen

Stellenausschreibung mal anders

Der Landkreis Osnabrück setzt das Potential bewegter Bilder vorbildlich ein, und zwar da, wo man es nicht sofort vermutet. Ein Hausmeister für das Landratsamt wird gesucht. Wie der Arbeitsplatz aussieht und was dort alles zu erledigen ist, zeigt ein dreiminütiges Video. (Bemerkenswert ist, dass es die Ausschreibung offenbar ausschließlich in dieser Form gibt; bei den Stellenangeboten findet sich keine sonstige textbasierte Stellen-Anzeige, nur der Link zum Video.)  Weiterlesen

allfacebook.de

Linktipp: http://allfacebook.de/pages/facebook-bei-stadten-und-behorden-funktioniert-das

Welche Fragen müssen sich Kommunalverwaltungen stellen, bevor sie eine Facebook-Seite für ihren Ort „launchen“? Der Community-Manager der Landeshauptstadt Düsseldorf, Markus Sekulla, erläutert dies auf http://allfacebook.de/pages/facebook-bei-stadten-und-behorden-funktioniert-das. Als Beispiel weist er auf die Facebook-Seite der Stadt Frankfurt am Main hin, die die Community mit einbezieht.